• Die zivilisierte Stadt

    Sonntag, 21. Oktober 2012

    Vor einem Wohnblock, am Eingang einer Gasse, stehen Blumen, Bäumchen und andere Pflanzen in allerlei Töpfen, Schalen und Kisten. Die energische ältere Frau, die das selbstgemachte Gärtchen pflegt, ist meist dort anzutreffen. Sie jätet, düngt, pflanzt und sät, Anwohnerinnen kommen vorbei und plaudern, es ist eine Art natürlicher Treffpunkt. Sie kennt alle, grüsst und plaudert, gibt gute Ratschläge. „Stell dein neues Fahrrad nicht hier in den Unterstand, das wird bestimmt gestohlen!“, rät sie mir. Tags darauf ist das Fahrrad weg.

    Eines Morgens ist auch das Gärtchen weg. Einfach abgeräumt. Als ich den Quartieraufseher, den netten Herrn Wang, vorbeigehen sehe, spreche ich ihn darauf an. „Es war halt zu unordentlich“, erklärt er, „zu schmutzig.“ – „Aber es war doch eine wunderbare Begrünung!“, sage ich, worauf er nichts zu erwidern weiss, weil das Wort „Begrünung“ eigentlich gerade im Trend der offiziellen Richtlinie liegt. Die Frau wirkt sehr niedergeschlagen, als ich sie sehe. „War doch eine schöne Begrünung!“, sagt auch sie.

    Ein paar Tage später klopft es an der Tür, der nette Herr Wang steht mit einer städtischen Werbeschrift draussen: „Da sind Informationen über die Zivilisierung der Stadt.“ Mit freundlichem Lachen reicht er mir die zeitungsartige Schrift, die er in jeder Wohnung abgeben muss, dazu eine Waschseife: „Das ist ein kleines Geschenk.“ Es handelt sich um eine landesweit geführte Kampagne, eine Art Wettbewerb, welche Stadt am „zivilisiertesten“ zu nennen sei. Infolge der Vorbereitungen werden auf allen Ebenen „Verschönerungen“ vorgenommen – jeder Wildwuchs, wie etwa das Gärtchen der Anwohnerin, soll weg. Anstelle der Pflanzen werden tags darauf eine Reihe rote Lampions angebracht. Als ich den Quartieraufseher an der Wohnungstür noch mal auf die Begrünung anspreche, meint er: „Ja, es ist schade. Aber die Frau wollte den Garten von sich aus nicht mehr haben.“ Das ist natürlich gelogen, aber so zieht er sich aus der Diskussion und wahrt sein Gesicht. Er muss die Richtlinien ja durchführen.

    Dieser Prozess der „Zivilisierung“ zieht sich seit fast zwei Jahrzehnten dahin, mal in unmerklichen, kleinen Veränderungen, mal in Form staatlicher Kampagnen. Teils waren die Veränderungen begrüssenswert: Bettelnde und Rosen verkaufende Kleinkinder verschwanden von den Strassen, auch die bandenmässig gestohlenen und verstümmelten Bettelkinder, die damals frühmorgens an den Strassenrand gesetzt und abends mit dem erbettelten Kleingeld eingesammelt worden waren. Auch die Tempel, immer mehr für Touristen zurechtgemacht, wurden von Bettlern gesäubert.

    In den 1990er Jahren richtete sich eine Kampagne speziell gegen den aus der Kulturrevolution übriggebliebenen Mangel an gesellschaftlicher Höflichkeit. Es wurden Flugblätter verteilt mit Merksprüchen zu höflichem Verhalten. „Sagen Sie ‚danke‘, sagen sie ‚bitte‘, sagen sie ‚Entschuldigung‘.“ Wirklich Einzug jedoch hielt die „Höflichkeit“ schliesslich aber eher mit der Marktwirtschaft, als Ladenangestellte erstmals dazu angehalten wurden, Kunden anzuziehen und zu umwerben. „Herzlich willkommen!“, schrie es einem bald in vielen Läden schon am Eingang mehrstimmig entgegen. Früher hatte man Angestellten hinter der Ladentheke, wenn sie wie üblich untereinander plauderten, strickten oder sich langweilten, zugerufen: „Eine Flasche Bier!“ oder wenn sie, was öfter vorkam, sich sichtlich nicht um einen kümmern mochten: „He, keine Lust auf ein Geschäft!?“ Heute, falls überhaupt noch vorkommt, dass eine Angestellte mal nicht reagiert: „Entschuldigen Sie bitte, ich möchte etwas kaufen.“

    Erst rückblickend wird man gewahr, was sich verändert hat: Öffentliche Streitigkeiten, früher an der Tagesordnung, blieben bald weitgehend aus; Handgemenge, die früher bis zu Messerstechereien ausgeartet waren, sah man nicht länger auf offener Strasse. Ausdrücke wie „Darf ich fragen“, „Entschuldigen Sie bitte“ oder „Vielen Dank“ mischten sich neu ins Alltagsvokabular, erst etwas steif und nur in bestimmten Situationen, etwa im Geschäftsleben, während man zuhause, unter Familienangehörigen, sich noch genierte, „danke“ zu sagen. Unmerklich aber hielt die Höflichkeit bis ins Privatleben Einzug.

    So wurden wir Schritt für Schritt „zivilisiert“. Im selben Zuge wurde jeder unkontrollierte Wildwuchs beschnitten: Selbstgebaute Ladenverschläge, Terrassen und Gärtchen wurden abgerissen, Ahnengräber aus landwirtschaftlichen Feldern ausgegraben, private Tempel und Treffpunkte vernichtet oder durch offizielle ersetzt. Die lachenden Verrückten, die man ab und an auf den damals noch wenig befahrenen Strassen angetroffen hatte, verschwanden aus dem Strassenbild. Es waren seltsame Gestalten, in Lumpen gehüllt, schmutzig, oft mit langen, zottigen Haaren, mit einem entrückten Lachen im Gesicht. Scheinbar die ganze schnöde materielle Welt verlachend, schlenderten sie durch die Strassen der Stadt. In ihnen lebte, auf eine verrückte Weise, noch etwas von einem daoistischen Geist der inneren Freiheit fernab von irdischem Besitztum. Und sie kontrastierten sehr mit den notorisch schimpfenden Verrückten, die gleichzeitig öfter in Europa anzutreffenden waren.

    Die Dörfer hatten ihre Dorftrottel, die dazu gehörten. Auch die Kunstakademie hatte ihren „Verrückten“. Die Studenten nannten ihn Fan Gao – „Van Gogh“. „Van Gogh“ war immer irgendwo; er gehörte dazu und gehörte nicht dazu. Er schlenderte gern durch die Akademie, und wenn man Unterricht hatte, konnte man ihn vom Fenster aus unten wandeln sehen, mit einem Lächeln im Gesicht. Man erzählte sich, sein Vater sei während der Kulturrevolution umgekommen und er sei anschliessend übergeschnappt. Er war schon an die dreissig und seine Mutter musste allein für ihn aufkommen. Früher habe er auch Malerei gelernt. „Warum malst du nicht mehr, Van Gogh?“, pflegten ihn die Studenten zu fragen. Dann lächelte er und sagte langsam, in bestimmtem Ton: „Das Malen vergeudet Farben.“ Gern ging er in die Wohnräume der Studenten, setzte sich auf irgendeine Bettkante, langte mit seinen langen, dürren Fingern nach irgendeinem Glas, das gerade in der Nähe stand, schlürfte den Tee daraus und lächelte vor sich hin. „Ich heisse nicht Van Gogh“, sagte er, „ich heisse Wang Wei.“ Wang Wei war ein berühmter chinesischer Dichter aus dem 8. Jahrhundert. Eines Tages war „Van Gogh“ verschwunden. Er sei in eine Anstalt gekommen, hiess es. Für seine Mutter sei es ja wirklich eine Belastung gewesen. Seither habe ich ihn nie mehr gesehen.

    Kürzlich wurde K., ein Freund, Zeuge, wie in der Stadt auf offener Marktstrasse ein alter Mann zusammenbrach. Minutenlang blieb neben dem am Wegrand Liegenden kein einiger der zahlreichen Passanten stehen. K. überlegte, wie er dem Alten helfen könnte, holte die lokale Aufsicht. Schliesslich kam der Mann zu sich, setzte sich auf, bat die Aufsicht und K., nicht die Ambulanz zu rufen, „sonst komme ich wieder in die Verwahrungsanstalt!“

    Solche Umwälzungen, die sich in China, genauer gesagt in einer reichen chinesischen Küstenstadt, in einem Zeitraum von zwanzig Jahren vollzogen haben, ähneln teilweise den Veränderungen, die Europa während mindestens zweihundert Jahren durchgemacht hat. Es ist der Prozess der unaufhörlichen Einschränkung und Ausgrenzung: Die Verrückten in die Anstalt, die Bettler ins Obdachlosenheim, die Kranken ins Krankenhaus, die Kinder in Schule und Kindergarten, die Alten ins Altenheim.

    Am Ende stehen wir da, in einer gesäuberten Gesellschaft, und leiden an ihrer Eindimensionalität, die wir längst verinnerlicht haben. Im Zuge der unmerklich schleichenden „Zivilisierung“ haben wir – im Westen über Generationen, in China über zwei Jahrzehnte hinweg – verlernt, miteinander umzugehen, in einem breiten Sinn: Mit Passanten zu plaudern, mit Todkranken zu sprechen, mit Verrückten zu leben, mit Alten und Kindern zusammen zu sein.

    Die Pflanzen der Anwohnerin kommen ein paar Wochen später nach und nach wieder zum Vorschein. Erst ein Bäumchen, dann ein Pflänzchen, bald sind es wieder viele. Sie stehen jetzt säuberlich in schöne Töpfe gepflanzt geordnet am Wegrand. Der Frau scheint es wieder besser zu gehen, der nette Herr Wang schaut über die private Begrünung hinweg, man hat sich irgendwie geeinigt. Die roten Lampions hängen jetzt verstaubt daneben und fallen langsam und unmerklich aus dem Leim.

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