Darstellung zur Bildung der 64 Hexagramme

Einige Gedanken zur chinesischen Philosophie

Streng genommen kennt China keine Philosophie im westlichen Verständnis, als „Liebe zur Weisheit“ oder Suche nach gedanklicher Erkenntnis. Chinesisches Denken war immer konkret und praxisbezogen, d.h. es ging grundsätzlich nicht darum, zu erkennen und zu definieren, was das Leben an sich sei, sondern darum, wie wir leben und wie wir uns im Alltag verhalten sollen. Philosophie als Versuch, zu gedanklicher Erkenntnis zu gelangen, geht letztlich nicht über die Beschreibung von Teilbereichen hinaus, so wie es die Metapher von den "Blinden, die einen Elefanten erstasten" darstellt.

 

Auch Chinas Religionen sind nicht Religion im westlichen Verständnis, sondern vielmehr „Lehren des Lebens“ oder Philosophien über das Leben: Sie zeigen Wege auf, die wir begehen können. Es besteht keine Notwendigkeit, an ein „Dao“ zu glauben, denn das Wort ist nur ein Stellvertreter für etwas Unbenennbares, das die Welt in Gang hält. Ebenso wenig ist es not­wendig, an „Buddha“ zu glauben, da der historische Buddha nur eine Art Vorbild­funktion hat; er ist einen Weg gegangen, den wir in unserem Leben auch begehen können. Der Glaube, dass seine Lehre heilsam sei, ist natürlich hilfreich, wenn wir einen ähnlichen Weg gehen wollen.

 

Viele Bücher über Philosophie nähern sich dem Gegenstand über distanziertes Beschreiben gewisser „Schulen“ oder „Ideen“ und stellen den Anspruch, objektiv zu bleiben. So geschieht die Betrachtung gewissermassen von außen. Aus solchen Büchern erfahren wir, dass es in China den Konfuzianismus gab, den Daoismus, den Legalismus, den Mohismus, den Neo­konfuzianismus und anderes mehr. Was sich hinter solchen Begriffen verbirgt, was den Menschen damals wichtig war (oder heute noch wichtig ist), bleibt oft undurch­sichtig und erschliesst sich auch bei näherem Lesen nur schwer. Eine allzu objektive, distanzierte Herangehensweise kann mitunter echtes Verstehen verhindern.

 

Daher ist es angebracht, von einer anderen Seite auf das Denken anderer Kulturen und Epochen zuzugehen, nämlich durch Zuhören: Was waren die Anliegen, Ideen und Ideale, was war/ist damit gemeint? Obschon sich die Zeiten ändern, ist jeder Mensch zu jeder Epoche ein empfin­den­des Wesen, lebt zwischen Geburt und Tod, hat umzugehen mit Innenleben und Umwelt und empfindet nicht anders als wir Angst, Freude, Trauer oder Wut. In diesem Sinne sind wir uns gleich, nicht nur über die Zeiten, sondern auch über die Kulturen hinweg. Bevor wir uns also voneinander abgrenzen und einander definieren, sollten wir in erster Linie einander zuhören. Das ist die Grundlage der Verständigung, die Voraussetzung jedes wirklichen Verstehens.

盲人摸象 mángrén mō xiàng

"Blinde betasten den Elefanten"

(buddhistische Metapher)

道法自然 Dào fǎ zìrán

„Das Dao richtet sich nach

sich selbst“

( Laozi, Kap. 25)

隔靴搔痒 gé xuē sāo yǎng

„Bei Juckreiz am Stiefel

kratzen“, d.h. nicht auf den

Punkt kommen.

(chinesisches Sprichwort)

虚己以xū jǐ yǐ tīng

"Sich leer machen und

bescheiden zuhören“

(chinesisches Sprichwort)