易經 Yijing

Im chinesischen Altertum galt das 易經 Yijing «Buch der Wandlungen» (oder 周易 Zhou Yi, «Wandlungen der Zhou») als die angesehenste Schrift. Als wichtigstes Buch des konfuzianischen Schrifttums steht es in Auflistungen der Klassiker meist an erster Stelle. Unveränderte Wertschätzung wird dem Werk auch im Daoismus entgegengebracht.

 

Das Yijing im heutigen China

Nachdem das Yijing im kommunistischen China lange Zeit in die Sparte „Aberglaube“ geschoben worden und nahezu in Vergessenheit geraten war, gewinnt das Buch heute auch in China immer mehr an Bedeutung. Insbesondere im Rahmen geschäftlicher Unternehmungen, Immobilien und Wohnungseinrichtungen (Fengshui) wird das Yijing heute wieder ausgiebig konsultiert. Selbst die Zentralregierung soll sich von Yijing-Spezialisten beraten lassen. Gleichzeitig finden auch die philosophischen Grundlagen des Werks neue Wertschätzung und werden in zahlreichen Schriften und Forschungsprojekten erörtert und neu diskutiert. 

 

Ursprünge und Orakelbefragung

In der chinesischen Antike spielte das Yijing eine wichtige Rolle im Staatsritual. Zu Zeiten der Zhou-Dynastie (ca. 1100–256 v. Chr.) kam dem staatlichen Orakel­meister eine Mittlerrolle zwischen dem Himmel (oberste Gottheit) und dem Kaiser (Himmelssohn) betrachtet: „Der Orakelmeister hielt die Schildkrötenschale mit Blickrichtung Süden, während der Himmelssohn in königlichem Ornat einen Platz gegen Norden einnahm.“[1] Die Blickrichtung nach Süden galt in China als Zeichen der Würde und war in Staatsbelangen dem Kaiser vorbehalten. Vor dem Orakel jedoch bezieht sogar der Kaiser selbst eine untergeordnete Stellung und überlässt die höchste Würde dem Orakelmeister, der hier als Stellvertreter des Himmels auftritt. Zur Orakelbefragung waren hauptsächlich in zwei Methoden in Gebrauch: Zum einen das Deuten von Rissen in Knochen oder Schildkrötenschalen (卜 ), die durch kleine Brandlöcher erzeugt wurden; zum anderen eine differenzierte Methode des Teilens und Auszählens von 50 Schafgarbenhalmen (筮 shì), anhand derer ein Hexagramm des Yijing erstellt werden konnte.

 

Ältere „Bücher der Wandlungen“

Aufzeichnungen bezeugen, dass es im Altertum mehr als ein «Buch der Wandlungen» gab.[2] Genannt werden drei «Wandlungen», wobei zwei heute nicht mehr existieren: Das 連山易 Lianshan Yi und das 歸藏易 Guizang Yi, sowie das heute überlieferte Yijing «Buch der Wandlungen». Um das heute bekannte Yijing von den anderen Büchern der Wandlungen abzuheben, wird es gemeinhin als 周易 Zhou Yi «Wandlungen der Zhou» bezeichnet, da es sich um das Wahrsagebuch handelt, das den Kaisern der Zhou-Dynastie (ca. 11.Jh.–770 v. Chr.) zur Verfügung stand. Das dem Gelben Kaiser (皇帝 Huang Di) zugeschriebene Guizang Yi setzt im Unterschied zum Zhou Yi nicht das Hexagramm Qian (Himmel, Vater) an erste Stelle, sondern das Hexagramm Kun (Erde, Mutter). Es wird daher auch als Vorläufer aus einer frühen matriarchalen Epoche betrachtet.

 

Die Inhalte: Hexagramme und Kommentare

Inhaltlich behandelt das heute überlieferte Yijing «Buch der Wandlungen» insgesamt 64 Formationen zu je sechs Linien (64 Hexagramme). Die Linien sind entweder gebrochen (Yin) oder durchgezogen (Yang). Es handelt sich also um eine Liste sämtlicher Kompositionsmöglichkeiten von zwei unterschiedlichen Linien in Sechsergruppen (26 = 64). Damit wird auf abstrakte Weise eine gegebene Bandbreite von möglichen Konstellationen aufgestellt, die sich in konkreten Lebensbereichen manifestieren. Wie solche konkreten Manifestationen aussehen können, zeigen kurze Hinweise zu jedem Hexagramm und dessen einzelnen Linien. Diese Hexagramm- und Linien-Kommentare werden der Überlieferung nach König Wen von Zhou (周文王 Zhou Wen Wang) zugeschrieben, der im 11. Jh. v. Chr. regierte. Es handelt sich um knappe Hinweise in archaischem, bilderreichem Stil. Die Auslegung dieser frühen Aufzeichnungen ist in vielen Fällen umstritten, was auch zu unterschiedlichen Übersetzungen führte. Um diese Kernaussagen herum bildete sich im Laufe der Zeit eine Sammlung von Kommentaren, die dem Werk unter der Bezeichnung Zehn Flügel (十翼 shí yí) beigefügt wurden. Diese ursprünglich unabhängigen Kommentare werden gemeinhin Konfuzius zugeschrieben. Heutige Ausgaben des Yijing ordnen die konfuzianischen Kommentare direkt den einzelnen Kernsätzen zu.

 

Abstraktes Prinzip der Dualität

Das Konzept von Yang und Yin lässt sich auf den Gegensatz von „Licht und Schatten“ zurückführen. Davon ausgehend wurde es mit der Zeit auf alle dualen Bezüge der Realität angewandt: Tag und Nacht, Sonne und Mond, Himmel und Erde, Geist und Materie, Leben und Tod, warm und kalt, positiv und negativ, außen und innen, aktiv und passiv, steigend und sinkend, männlich und weiblich, etc. Die zunächst wertfreien Gegensätze wurden im konfuzianischen Denken auf die gesellschaftliche Hierarchie übertragen, so dass Bezüge wie oben und unten, ranghöher und rangniedriger, Edler und Gemeiner, König und Minister, Vater und Sohn etc. eine immer wichtigere Rolle spielten. Im selben Zuge wurden auch die Geschlechterrollen in ein hierarchisches Verhältnis gesetzt und mit dem Hinweis auf Bezüge von Yin und Yang als naturgegeben interpretiert. Die Projizierung von Attributen des Ideenkomplexes „Yin“ (Schatten, Dunkelheit, Unreinheit, Ungeistigkeit, Bosheit, Lebensfeindlichkeit) auf die Frau hatte verheerende Folgen, die bis heute nachwirken.

 

Gleichwertigkeit der Gegensätze

Selbst im daoistischen Denken, das die Gleichwertigkeit der Gegensätze betont, kam dieses hierarchische Weltbild immer stärker zum Tragen. Heute wird teilweise versucht, die Gleichheit wiederherzustellen: „Der Mensch (…) kann ebenfalls in dualen Verhältnissen betrachtet werden: Er erscheint als Mann und Frau, sein Verhalten variiert zwischen Güte und Strenge, seine Taten zwischen Gut und Böse. Jedes Gegensatzpaar hat seine eigenen dualen Komponenten, welche nicht beliebig auf andere Gegensätze bezogen werden dürfen. Ansonsten geraten die Bezüge durcheinander. Es wären dann beispielsweise – da Himmel, Mann, Menschlichkeit und das Gute Yang zugeordnet sind – Himmel, Mann und Menschlichkeit durchwegs gut, (…) Erde, Frau und Rechtlichkeit hingegen durchwegs schlecht. Solche Schluss­folge­rungen zu ziehen ist ein großer Fehler.“[3]

 

Die Wandlungen

Der Ausdruck 易 (Wandlung; einfach) wird in chinesischen Quellen in dreifachem Sinne erläutert:

  1. als 簡易 jiǎn yì, „einfache Wandlung“: Der gesamte, große, an sich „einfache“ Lauf der Dinge; der große Wandel von Welt und Kosmos mit seinen Läufen und Gesetzen.
  2. als 變易 biàn yì, „veränderlicher Wandel“: Das sich ewig verändernde, die Tatsache, dass nichts bleibt, wie es ist, alles kommt und vergeht, so dass auch das, was uns als gleichbleibend und fest erscheint, nur eine relative Statik ist, in einem absoluten Zustand der Dynamik.
  3. als 不易 bù yì, das „Unveränderliche“: Die unveränderliche Tatsache eines großen Laufes der Welt, mit einem ewigen Spiel polarer Gegenkräfte.

 

 

(Fortsetzung folgt)

 

 

 

[1] Vgl. «Aufzeichnungen zu den Riten» Liji 禮記, Kapitel «Opferzeremonien» Ji Yi 祭義. (易抱龜南面,天子卷冕北面.)

[2] Vgl. «Riten der Zhou» Zhou Li 周禮, Kapitel Chun Guan 春官. (太卜掌三易之法,一曰连山,二曰归藏,三曰周易. Der Höchste Orakelmeister verstand sich auf die Methoden von drei Wandlungen: erstens das Lianshan, zweitens das Guizang, drittens die Wandlungen der Zhou).

[3] Cui Liming 崔理明, Sanftheit, Reines Yang und Dao – zur Gleichberechtigung von Mann und Frau 柔弱、纯阳与道——兼论男女平等 (Siebtes Internationales Daoismus-Symposium in Nanyue, Prov. Hunan 2011). Vgl. http://blog.sina.com.cn/s/blog_5d444e4d0100zc82.html.